Ohne meine Hängematte wäre ich wahrscheinlich tot.

Ich wüsste gar nicht: Worin liegen? Worin wiegen?

Ohne den hängebauchschweinigen Schwung wäre was in mir zerbrochen, abgesickert, abgesoffen. 

Ich bette mich und wiege mich und denke dann: Ursula. Könnte ich so eine lieben? Kann ich eine Frau mit derart antiquiertem, atmosphärenlosem Namen in mein Herz aufnehmen? Pläsier? Bett? 

Hängematte?

Eine Frau mit atmosphärischerem Namen, ja. Steht Selene auf dem Namensschild, Aylin, Liora, darf sie rein — Pläsier, Bett. Hängematte. 

Delia.

Ich meine: Für jemand Bodenständiges aus der (beispielsweise) Uckermark mag „Ursula“ die rechte Stimmung transportieren: Zuverlässigkeit, Erdgebundenheit und Sicherheit. Für jemanden wie mich schwingt da maximal noch Ursa Major, Minor, Taurus mit, oder grob Wortverwandtes wie Ursachenforschung. Ich bin schon siebzig, aber das ziehe ich ab.

Keine ernstzunehmende Atmosphäre ist mit Begriffen zu beschreiben. Meist kann man sie nicht mal umschreiben. Wir befinden uns zufällig in einer. Manchmal erwischen sie uns völlig unerwartet. In fernen Gedanken, auf Namensschildern, im Schienenersatzverkehr. Ich habe eine Atmosphäre in einem morgendlich geleerten Klinikgang erlebt, die mich mehr geheilt und zurechtgerückt hat als die Medizin. Atmosphäre in einem Schuhgeschäft, in dem alle Verkäufer beschäftigt waren und die Sonne in einem bestimmten Winkel durch die Ladenfenster auf den alten, ausgelatschten Teppich fiel, auf Regale voller Schuhkartons, den Staub, der in der Luft hing. Da war der Geruch des imprägnierten Leders, das langsame Arbeiten der Verkäufer, die Ruhe und die Tradition. Gott, hat mich das berührt. Keine Bildschirme und Schalter, keine Tastaturen, Chemikalien, Schleusen. Nur Staub und Sonnenlicht und Bodenständigkeit. Tot, habe ich gedacht: Eine solche Stimmung können sich moderne Geschäfte nicht mehr leisten.

Eine absonderliche Stimmung packt mich immer wieder auch in fremden Speisekammern. Als ich noch Fenster verfugte (ein alter Job neben dem Studium), habe ich viele fremde Speisekammern gesehen. Lebensmittelmottenbefall in sicher einem Drittel der Fälle. Oft wussten die Besitzer der Kammern davon gar nichts. Ich habe die Eier zufällig in den Stangen der Halterungssysteme entdeckt oder unter dem abspringenden Leim der Fenster. Das ruiniert vielleicht die Atmosphäre, kann ich Ihnen sagen. Eben noch heimelig, geschützt vor Zeit und Äußerem. Jetzt kontaminiert. 

Eine besonders schlecht zu greifende Atmosphäre ereilte mich einst im Morast. Ich weinte zehn Minuten unterbrechungsfrei ins schottische Hochmoor, während der Nebel sich um mich herum zusammenzog. Ich bildete mir nicht ein, meine Tränen kondensierten und stärkten den Nebel, oder ähnlichen physikalischen Unfug. Ich beobachtete hingesunken, wie der Nebel die Atmosphäre um mich herum verdichtete. Ich ließ die Tropfen in den Morast absinken. Ich weine selten in Mooren, aber hier war die Stimmung derart unstimmig, ich wusste nicht, wie dem begegnen. Ich kam her, um Moor zu sehen. Allein sein, Nebel, Ruhe, die mystische Atmosphäre und unterliegende Bedrohung, wenn man sich dumm anstellt. Ich stelle mich höchst selten dumm an, muss ich dazu sagen. Ich wollte in das Moor eindringen. Und dann drang das Moor in mich ein. Drang ein, durchwühlte mich nach irgendetwas und hatte bald schon kein Interesse mehr an mir und meinen Tränen.

In Träumen treffe ich immer wieder auf namenlose Atmosphären. Ich fühle das Fühlen eines anderen Menschen, dessen andersartiges Lebensgefühl, nur tue ich mich schwer mit dem Aufzeichnen. Ich umreiße und verpacke, aber diese spezifischen, vor der Analyse fliehenden Nuancen, den abstrakten Dampf kann ich nie im Wort verfestigen. 

Da war mal dieser unerwartete Moment, als ich ein Stück Computerzubehör bei einem privaten Kleinanzeigenhändler kaufen wollte. Noch innerhalb der Großstadt, aber doch schon abgelegen. Ich stieg aus der Bahn und schritt den Weg entlang, da schlug’s mir ins Gesicht. Wieder fast Tränen. Da hing auf einmal auf dem Gehweg dieser Duft, vielleicht aus einem Fenster des Hauses nebenan geweht. Irgendeine stillgelegte Verbindung reaktivierte sich, ein Gefühl aus meiner Kindheit, Jugend oder wirklich einem anderen Leben. Es war ein Geruch wie der Parfumrest eines ätherischen Wesens, ein himmlisches Waschmittel, das mit dem Regenwasser reagierte, gepaart mit dem Pappelsappsch auf dem Gehsteig und dem leichten Westwind, der mir den Geruch gab und wieder nahm. Ich kann nur mutmaßen. Aber in meinem Kopf muss es von elektrisch auf chemisch umgeschaltet haben. Elektrisch allein kann sowas nicht. Elektrochemisch-biologisch hundertpro. 

Bis heute, Jahrzehnte später, zehre ich von dieser Sekunden währenden Atmosphärensensation.

Das sind die schönen Beispiele. 

Die furchtbaren Atmosphären erspare ich Ihnen gerne, aber erinnern Sie sich selbst: Die Stimmung, als Sie als Kind bei einer schweren Lüge ertappt wurden, wie der Raum sich da erwärmte und verbog. Oder als Sie die Präsentation vor Ihren Arbeitskollegen halten mussten, und jemand vorn im Publikum nur dieses eine leise, nicht für Sie gedachte „Mmh“ machte, das so nach unten abfiel, oder der Moment, als Ihre Gattin schrieb, sie müsse mit Ihnen reden, was da auf einmal hochkam. Oder als damals die Nachricht zu Ihren Eltern kam, was da in Ihnen los war. Wie sich Ihr ICH geweitet hat. Ausgedehnt in die Umgebung um Sie herum. Wie das alles ineinanderfloss, sich gegenseitig nicht befruchtete — kontaminierte. Aus Ihnen heraus, die Umgebung nimmt es auf, potenziert, injiziert zurück. Atmosphärenrückkopplung. 

Eins müssen wir aber festhalten: Es sind nicht Gefühle, von denen ich rede. Man könnte leicht den Eindruck bekommen. Aber Gefühle lassen sich mit Namen bewerfen. Atmosphären nicht. 

Lassen Sie mich ein letztes Beispiel geben. Ich fürchte, hierzu müssen Sie ein wenig abstrahieren. Relokalisieren. Verlassen Sie Ihre Lebenslogik für einen Augenblick und leben Sie auf einer Orbitalstation im All. Wir belassen Sie namenlos. 

Sie stehen am kleinen, runden Fenster. Der Ausblick macht Sie jedes Mal ehrfürchtig, wie könnte er nicht. Es ist fast komisch: Die exklusivste aller Atmosphären? Die, die gar keine hat. 

Sie hangeln sich zur Außenschleuse vor. Der Monitor neben der Innenluke zeigt Ihre Kollegin. Sie ist mit der Außenarbeit fertig. Sie wollen die äußere Luke öffnen und die Kollegin in die Schleuse lassen, da bemerken Sie etwas. Eine schimmernde Schicht auf dem Anzug der Kollegin, von der rechten Schulter bis zum Torso. Sie können es nicht genau erkennen. Sie ziehen sich näher an den Monitor, beobachten die Reflexionen: Gefroren, beinahe durchsichtig. 

Sie bitten die Kollegin, sich zu drehen. Große Teile der Anzugrückseite schimmern. Der Versorgungsanschluss scheint beschädigt. Sie hatte einen Aufprall an einem Ausleger, sagt sie.

Sie bitten sie um einen Augenblick. Sie tun dies mit ruhiger, versichernder Stimme. Sie hangeln rüber zum Kontrollsystem, überprüfen die Druckverhältnisse. Aus ungeklärten Gründen sinkt der Druck in einem Schattenradiator. Offensichtlich verliert er Kühlmittel. Fest, kalt, beinahe schön, wie es da schimmert und funkelt. Auf Ihrer Kollegin in ihrem schützenden Anzug. Innerhalb der beheizten Schleuse würde das Kühlmittel aber gasförmig werden, beim Öffnen der Innenluke in die Station gelangen, den Versorgungskorridor, das Luftsystem. 

Rücksprache Bodenstation. Sie könnten die Kollegin in der Schleuse einschließen. Aber der Versorgungsanschluss am Anzug ist beschädigt, sie hätte auch dort nur ihren eigenen Vorrat. Mehrfache Spülvorgänge in der Schleuse wären möglich, würden jedoch die Gasreserven der Station aufbrauchen. Die Bodenstation rät ab. Die Simulationen widersprechen einander. Sie schweben zurück zur Schleuse, sehen auf den Bildschirm. Ihre Kollegin hält sich am Griff der Außenschleuse, auf Einlass wartend.

Eine Person reinholen. Sie, sich und drei andere womöglich töten. 

Vier Personen retten. Eine lassen, wo sie ist. 

Mit ihren vierunddreißig Minuten Sauerstoff und der intakten Funkverbindung. 

Sie bitten die Bodenstation um eine andere Lösung. Die Bodenstation simuliere, berechne, melde sich. Sie sprechen mit Ihrer Kollegin. Anfangs ist sie noch EVA Zwei, nach einigen Minuten nur noch Zwei, die Bodenstation geht strikt nach Protokoll. Die Bodenstation sagt: Zwei soll die verschmutzten Seiten zur Sonne drehen. Zwei soll den linken Handschuh kontrollieren. Zwei soll Anzugdruck und Restvorrat bestätigen.

Zwei bestätigt alles.

Zwei macht einen kleinen Tanz an ihrer Sicherungsleine, präsentiert die Reflexion auf dem Anzug, versucht die Kamera zu blenden. Sie ist dekoriert, denken Sie. Zwei lacht leise.

Nach achtzehn Minuten beginnt Zwei vom Aktenlager ihres Vaters zu erzählen. Der Staub, der dort waberte, der muffige Geruch, Papier, Teppich, alte Akten. Wie sie als Kind dort gerne spielte, wie der Geruch und die gedämpften Geräusche sie umfingen. Man konnte alles einzeln riechen, wenn man ranging, wie ein Reinzoomen mit der Nase. Zwei klopft an die Hülle der Station.

Die Ärztin auf der Bodenstation bittet Zwei, sich auf ihre Atmung zu konzentrieren. 

Zwei sagt, das mache sie bereits.

Zwei fragt, ob es Neuigkeiten zu den Simulationen gebe, den Berechnungen. Sie sagt, sie spüre, wie der Sauerstoffgehalt geringer werde. Der metallische Geschmack verändere sich, sie rieche warmes Plastik. Wie feuchte Wolle. Oder Staub auf Heizung.

Die Bodenstation sagt, man arbeite unter Höchstdruck an der Auswertung. Der Belag wird dünner. Aber nicht schnell genug. Man benötige noch Werte. Sauerstoffsättigung, Restdruck, Temperatur. Zwei nennt alle Werte. 

Eine Weile lang schweigt Zwei. Sie hat den Griff losgelassen und schwebt regungslos vor der Station. 

Sie schweigen ebenfalls. Ihr Blick hängt auf der cremefarbenen Lackierung der Module. 

Die Bodenstation meldet sich. Bei allen außer Ihrer Kollegin. Man erklärt, erklärt erneut, aber anders, wartet auf Bestätigung. Sie drehen sich um, sehen zu den Kollegen hinter Ihnen. Sie sehen Sie an. Dann hebt jemand die Hand, und jemand anders auch. Sie starren auf die Lackierung neben dem Monitor. Man bittet Sie wieder um Bestätigung. Sie heben die Hand.

Dann sprechen Sie zu Ihrer Kollegin. 

Zwei schweigt. Zwei sagt, sie wolle nicht mehr Zwei sein. Sie sagt ihren Namen. Sie hofft, dass Sie ihren Namen wiederholen. Sie wiederholen ihren antiquierten Namen. 

Nach ihrem Tod blieb sie noch neunzehn Stunden vor der Schleuse. Bei jedem Sonnenaufgang wurde sie vorm Fenster sichtbar, der rechte Arm angewinkelt, die Hand vor dem Visier, als wolle sie hineinschauen. 

Mitunter liege ich in meiner Hängematte und erfinde Namen für unbenannte Atmosphären. Zwar gebe ich meist auf, aber ich habe es immerhin versucht. 

So wiegt sie sich. Hin, her, und ich darin, fast schwerelos.

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