Sonntagabend. Er saß auf seinem Ledersofa in der Einundvierzigsten und sah durchs Fenster in den Regen. Drinnen Büroluft, draußen Regen. Umgekehrtes Aquarium.

Ein Kaffeebecher balancierte auf seinem Oberschenkel und trug das Logo einer Bank, die mittlerweile anders hieß. Die Japaner kamen um halb acht. 

Die Präsentation war fertig: Er hatte die Folien in doppelter Ausführung, die Zahlen gecheckt, den Vortrag verinnerlicht, sich auf die zwanzig wahrscheinlichsten Rückfragen vorbereitet. Er hatte das Mittagessen ausgesucht und kleine Maskottchen mit den Logos beider Firmen anfertigen lassen. Er hatte einen Ersatz-Overheadprojektor und Wasser mit Kohlensäure, ohne Kohlensäure und mit mittelviel Kohlensäure. Er hatte einen Getränkewagen und das frischeste Sushi der Stadt. 

So hieß es.

Und Gyoza.

Was noch.

Er beugte sich vor, sah zum Bildschirm des Bürocomputers auf dem Schreibtisch. Bernsteinfarbene Schrift auf Schwarz. Er überflog die Liste abermals, diesmal von unten nach oben: GYOZA, ZAHLEN, MITTELVIEL.

Das Meeting war präpariert. Und genauso wichtig, vermutlich: Die Rahmenbedingungen waren es.

Auf seinem Tisch lagen von links nach rechts die letzten Faxe von Linstrom, sein Diktiergerät, das Rolodex, ein Kalender mit Lederumschlag und seine silberne Digitaluhr. Ganz oben auf dem Tisch, fast in Reichweite, drei Visitenkarten. Schlicht, schwerer Karton. Namen ohne Chance auf korrekte Betonung. Er hatte beim Community College angerufen und die Japanischlehrerin gebeten, ihm die regional korrekte Aussprache vorzusagen.

Er hörte sie noch mal auf dem Diktiergerät ab.

Sie klang süß.

Wenn das hier vorüber war, würde er hingehen und sich bedanken. Vielleicht war noch Sushi über. Das würde er mitbringen.

Im Fenster gegenüber wechselte das Logo einer Immobilienholding von Blau zu Grau und wieder zurück. Eine alte Gewohnheit, die im Regen schwammig wurde. Manchmal überlegte er, zu winken. Er konnte die Gestalten da drüben erkennen. Fast war er froh, dass er keinen Feldstecher hatte. Wenn er sich spiegeln wollte, ging er ins Bad.

Es piepste auf dem Tisch. Dreiundzwanzig Uhr. Er atmete ein, dann aus, ließ den Kopf an die Sofalehne sinken, blickte an die Decke und striegelte seinen Schlips. Dann trank er aus, band sich seine Uhr um und packte die Ausdrucke, das Diktiergerät und den Kalender in seine Ledertasche. Er schaltete den Computer aus, nahm seinen Mantel, ging zur Tür, sah ein letztes Mal über den Schreibtisch und machte Licht und Klimaanlage aus.

Der Aufzug hielt in der Zweiunddreißigsten.

Er trat einen Schritt heraus, legte seinen Arm vor die Lichtschranke und sah in beide Richtungen des Ganges. „Fahrstuhl“, sagte er, als hätte jemand was bestellt. Links lag der Gang dunkel, rechts fiel am Ende Licht aus einem Raum. Er erwartete, dass es flackern würde. Er blickte in den Gang und wartete. Niemand kam. Dann trat er zurück und drückte DOOR CLOSE. Die Tür brauchte eine Weile, dann schob sie sich zusammen. Er legte den Arm dazwischen. Sie verharrte irritiert und glitt wieder auseinander.

Kurz nach elf. Er sah hoch. Ein Geräusch. Vielleicht ein Faxgerät. Oder ein Kopierer. Er ging den Gang hinunter, sah in leere Räume, einige mit rotem Anstrich, öffnete geschlossene Türen und sah in Räume mit Kartons und ausgesteckten Telefonen. Das Schild neben der Tür, hinter der das Licht brannte, war überklebt. MARKET ATMOSPHERICS stand darauf. Er klopfte an den Rahmen und trat ein.

Ein Konferenzraum mit langem Holztisch. Gläser darauf, teils gefüllt, Wasser in verschiedenen Stufen der Lebendigkeit. Namensschilder, Aschenbecher, Overheadprojektor. Auf einem Beistellwagen standen Aktenordner sauber aufgereiht. Noch mehr Namensschilder. Japanische und amerikanische Namen. Auf dem Tisch ein Kassettenrekorder, am Kopfende ein Stativ mit Videokamera.

Er betrachtete alles eine Weile, dann ging er auf den Gang und horchte: Leuchtstoffröhren. Vielleicht die Lüftung. Er ging zurück, nahm einen Ordner vom Wagen, schob zwei Wassergläser weg und schlug ihn auf dem Tisch auf.

ROOM CONDITIONS / EXECUTIVE FLOORS

Die ersten Seiten wirkten wie Büroplanung: Diagramme mit Raum- und Lichttemperaturen, Sitzabstand, Blickachsen. Er blätterte weiter: Adversarial Questioning. Exit Delay. Reopen Resistance. Er fand Analysen zu Wetterlage und Risikobereitschaft, Etagenhöhe und Wochenendarbeit, Sofamaterial und inneres Konzernvertrauen. Wieder blättern: Tiefe der Parkebene, Wandanstrich, Geräusche aus dem Lüftungsschacht. Eine Seite trug die Überschrift:Nutritional State & Executive Decision Environments. Er überflog sie: Grüntee statt Kaffee für Meetingführung; Mittagspause nach erster Verhandlung, nie vor Einigung; Einigung als Anreiz für Mittagessen; Reis und Weizen: abnehmende Aggressivität von Fragen in zweiter Verhandlungsrunde, abnehmende Tendenz, vereinbarte Punkte erneut zur Diskussion zu stellen. Dazu Skizzen zu Anordnungen von Wassergläsern auf Konferenztischen, Füllhöhen, Anweisungen zur Ausrichtung von Lampenspots auf Wasserflaschen.

Er schloss den Ordner und betrachtete den Raum samt Anordnung. Dann schlug er den nächsten Ordner auf:

CRT LEAKAGE STUDY / PACIFIC ANNEX

Die erste Seite war aus dicker Pappe. Darauf ein quellenloses Zitat: „An office doesn’t end at a wall.“

Er sah zur Tür, dann auf die Uhr. Fast zwölf. Er überflog die nächste Seite:

• Workspaces demonstrate measurable leakage beyond architectural boundaries

• CRT units should not face exterior glass

• Service riser: cleaner image than exterior pickup

• Vertical coupling test: 37/38 and 40/41, stable after 2300

  • Rain: image breaks, contrast improves 

Er schlug den Ordner zu. Er stellte alles zurück, verließ den Raum, ging ein paar Schritte. 40/41.

Der Fahrstuhl hatte sich nicht bewegt. Das Licht schien in den Gang. Er betrat den Aufzug und drückte B3. Die roten Ziffern am Tableau wechselten sehr langsam. Schließlich ein Ping und die Tür ging auf. Ein älterer Mann stand im fluoreszierenden Licht der Tiefgarage und sah auf. Neben ihm ein Rollwagen mit Schraubendrehern, einem Styroporbecher, etwas, das wie ein Oszilloskop aussah, und einem VHS-Rekorder, auf dessen Display mattgrüne Ziffern liefen. Er trug einen kleinen verkabelten Bildschirm vor sich. Angeschaltet. Schnee. Kein uniformer Fernsehschnee, eher ein schräges und nervöses Raster.

Zögernd trat er aus dem Fahrstuhl, nickte dem Mann zu.

„Falscher Stock?“

„Der Fahrstuhl hat angehalten.“

„Das machen die.“ Der Mann stellte den Kasten auf den Rollwagen.

„Ist das ein Fernseher?“

„Manchmal.“

Der Alte drehte ihn zur Seite, sodass die Bildfläche verschwand. Er fummelte an der Verkabelung, nervöse Lichtstreifen fielen auf eine Betonsäule. Auf einer blanken Kante des Rollwagens zitterte ein Zeichenrest.

„Na gut“, sagte er und nickte dem Mann noch mal zu. „Schönen Abend.“

Nicht viele Wagen standen auf den Parkplätzen. Die 911er waren nur wochentags hier, genauso wie die japanischen Coupés mit den flachen Nasen. Selbst der zerschrammte Prototyp mit Tarnband an den Rückleuchten, der in letzter Zeit oft in seiner Nähe parkte, war nicht zu sehen. Nur eine Handvoll Mittelklassewagen, sein Acura und ein Kleintransporter standen auf der Ebene. Neben einem Toyota blieb er stehen, bückte sich und tat, als suche er in seiner abgestellten Ledertasche nach dem Autoschlüssel. Dabei sah er in den Außenspiegel. Er drehte sich so, dass er darin den Bildschirm sehen konnte, an dessen Kabeln der alte Mann hantierte. Immer wieder sprang das Bild, bis er zwischen den Schlieren ein einzelnes, bernsteinfarbenes Wort zu erkennen meinte, spiegelverkehrt und diagonal verzerrt:

MITTELVIEL

Es stand zu kurz. Er las es dennoch.

Er stand auf. Er ging, bis er das andere Ende der Tiefgarage erreicht hatte. Dann lief er die Zufahrt zur Etage darüber hinauf, ging dort zurück zum Aufzug und drückte den Knopf. Der Aufzug kam und war leer. Er betrat ihn, drückte DOOR CLOSE und dann die 41. Er sollte nach Hause fahren. Schlafen. Dringend. Er widerstand dem Blick auf seine Uhr.

Der Aufzug fuhr ohne Unterbrechung. Ein klingendes Geräusch, dann glitten die Türen auf. Der Gang lag dunkel vor ihm. Er schritt über den dunkelroten Teppich, bis er an seine Bürotür kam. Er schloss auf, betätigte den Lichtschalter. Das Licht reagierte spät. Die Rollos waren offen. Er trat ans Fenster, kniff die Augen zusammen und sah zum Gebäude gegenüber. Dann drehte er sich um und betrachtete den Monitor auf seinem Schreibtisch. Alles wie immer. Er startete den Computer. Die Schrift kam zeilenweise zurück. Versehentlich schaute er doch auf seine Uhr. Viertel vor eins. 

Er rief die Liste auf.

MITTELVIEL

Er kontrollierte den Ausdruck im Papierkorb, die Faxe auf dem Tisch, selbst seinen Kalender. Den er ohnehin dabei hatte. Er sah wieder auf den Bildschirm. Es stand nur dort.

Dann stand er auf und ließ die Rollos runter. Er zog an einer Seite des Schreibtisches und drehte ihn weiter in den Raum. Er drehte den Monitor mit der Bildschirmseite Richtung Wand und sah zum Fenster.

Er schaltete den Rechner aus. Die Schrift fiel zu einem hellen Punkt zusammen und verschwand. Er sah zu seinem Ledersofa, setzte sich darauf und blickte durch den Raum. Jetzt, wo der Schreibtisch verschoben stand, konnte er die Kabelage am Computer sehen.Datenkabel von Rechner zu Bildschirm und zu Drucker. Rechner, Bildschirm und Drucker am Strom. Die drei Stromkabel liefen durch eine Aussparung in einen rechteckigen Bodentank mit teppichbeklebtem Aluminiumdeckel. Ein kleines Kabelgrab. Er ging rüber und öffnete den Deckel. Darunter führten die Kabel in drei Steckdosen. Mehr war nicht.

An der Innenseite des Deckels fiel ihm etwas auf. Ein Etikett aus einem Beschriftungsgerät klebte am Aluminium, schwarze Schrift auf weißem Hintergrund:

RISER C / 40–41

Er verharrte in der Hocke, mit gespreizten Fingern auf dem Teppich und einer Hand am Schreibtisch. Er las das Etikett noch mal, langsamer.

Dann schloss er den Tank und trat den Deckel mit dem Fuß fest.

Er machte das Licht aus, verließ sein Büro und schloss die Tür ab.

Vor dem Aufzug blieb er stehen. Er drückte den Knopf, die Türen öffneten sich sofort.

Er trat ein. 

Die Etagen lagen alle vor ihm. 41. 40. 38. 37. 32. B3. Er hob die Hand, streckte den Zeigefinger Richtung 40.

Sieben Uhr dreißig.

Sechseinhalb Stunden.

Dann würden Männer in dunklen Anzügen vor seinen Folien sitzen und Wasser trinken. Mit, ohne und noch eine dritte Art. Sie würden zuhören und vielleicht am gleichen Tag noch eine Entscheidung treffen.

Er drückte B3.

Zu Hause lag er eine Stunde wach im Bett und hörte dem Kühlschrank zu. Dann einem Hubschrauber am Himmel. Dann einem Auto, das unten an der Straße hielt. Es klappten keine Türen. Im Zimmer war es nicht dunkel genug. Er hatte vergessen, die Jalousien zuzuziehen. Die Ziffern des Radioweckers leuchteten rot neben ihm.

Um halb sechs stand er auf, duschte und putzte sich dabei die Zähne. Er frühstückte zwei übrig gebliebene halbe Joghurts mit Haferflocken, trank Kaffee und putzte sich erneut die Zähne.

Um sieben Uhr elf betrat er den großen Konferenzraum in der Fünfundvierzigsten. Der Getränkewagen an der Wand, die Wasserflaschen in drei Gruppen.Der Overheadprojektor lief bereits, der Lüfter surrte leise. Die Folien lagen in der richtigen Reihenfolge daneben, der teleskopierbare Zeigestab darunter. Um die Ecke standen Ersatzprojektor und ein zweiter Satz von Folien. Die Stadt hinter dem Fenster lag schon hell unter ihm, bis sie in der Ferne kontrastärmer wurde und im Smog versank. An seinem Platz am Konferenztisch stand eine kleine Thermos mit Kaffee und eine mit grünem Tee. Er stellte den Kaffee beiseite.

Die Japaner kamen pünktlich.

Er begrüßte sie mit einer Verbeugung und übergab jedem eines der angefertigten Maskottchen. Er sagte die Namen richtig. Jemand nickte ihm zu. Er dachte nicht an die Frau vom College.

Die Präsentation begann. Seine Stimme klang frisch, das überraschte ihn am meisten. Die Zahlen wirkten auf den Raum. Sie waren unaufgeregt und deshalb überzeugend. Das hatte er gewollt. Alle Folien lagen sauber an den Kanten an. Die Achsen waren klar beschriftet, die Texte knapp, die Diagramme simpel und präzise. Die Rückfragen kamen in der vierzehnten, siebzehnten und neunzehnten Minute. Ungefähr dort, wo er sie erwartet hatte.

Während einer Pause stand einer der Gäste vor dem Fenster. Ein Mann mit schwerer Brille und angenehmem Lächeln. Er stand zu weit vom Glas entfernt für jemanden, der die Stadt dahinter sehen wollte.

„You arranged this carefully“, sagte er.

Er wollte sich bedanken, sagen, dass er alles sorgsam überprüft und vorbereitet hatte, aber als er den Mund aufmachte, war ihm nicht mehr klar, worauf sich this bezog.

Die Digitaluhr piepste an seinem Handgelenk. Ein heller, dünner Alarmton, der zur zweiten Meetingphase rief. Er legte die Hand auf die Uhr, um den Ton zu dämpfen, und schaltete den Alarm ab.

Der Mann am Fenster lächelte, als hätte er das Geräusch nicht gehört oder als gehöre es dazu. Sein Blick glitt über die sich spiegelnden Stühle, Gläser, den Projektor und die kalibrierten, abgedimmten Deckenspots, die Menükarten für das Mittagessen auf den Fensterbänken und die letzten Regentropfen des nächtlichen Niederschlags außen an der Scheibe. Dann sah er auf den Teppich.

„Very carefully arranged“, wiederholte er mit minimalem Nicken.

„Yes“, sagte er. „It is.“

Der Mann wandte sich vom Fenster ab und ging zu seinem Platz. Nach und nach nahmen die Gäste wieder Platz. Einer zog sein Jackett glatt. Ein anderer verschob sein Wasserglas mit der stillen Sorte Wasser um einen Zentimeter.

Er bemerkte es sofort.

Der Projektor warf ein leeres Rechteck an die Wand.

Er nahm die nächste Folie vom Stapel. Sie lag kühl und biegsam zwischen seinen Fingern. Er legte sie auf die Glasscheibe.

Der zweite Teil des Meetings begann.

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